MomentumMind
← Zum WUM!-Buch

Wum! · Band 1 · Wo ist Emil?

Lesen Sie los.

Leseprobe aus der Arbeitsfassung vom 20. Oktober 2026. Der Text kann sich bis zur Veröffentlichung noch verändern.

Kapitel 1: Bremsen!

Wum streckt sich. Sie will dieses Buch. Das Buch unter der Fensterbank bewegt sich jedoch keinen Millimeter. Wum stellt sich auf die Zehenspitzen, streckt sich erneut und wird noch länger. Endlich erwischen ihre Fingerspitzen den Einband. Sie zieht. Das schwere Papier scharrt über das Holz, rutscht über die Kante – und verliert das Gleichgewicht.

Das Meer und seine Geheimnisse kippt. Es stürzt.

PLOK!

Das Buch trifft Wum genau zwischen den Ohren und klappt mit einem lauten Klatschen neben ihr auf. Wum blinzelt benommen. Dann schüttelt sie sich und blickt zu mir hoch.

„Au!“, krächze ich und plustere mein Gefieder auf. „Das tat schon beim Zusehen weh!“

„Mir erst“, brummt Wum und reibt sich den Schädel. Sie drückt schon wieder die Nase gegen das Papier, öffnet das Schnäuzchen und knabbert an der Ecke.

Knister. Knack.

„Wum! Du kannst doch kein Buch fressen!“

„Ich probiere nur, ob es nach Meer schmeckt.“ Sie legt den Kopf schief. „Das steht doch auf dem Deckel. Also muss es auch salzig sein. Wie kommt das Meer in ein Buch? Und wo bleibt das Salz?“

Ich muss gurren. Sie meint das todernst. Wum wohnt unter meiner Fensterbank. Wenn sie einmal nicht da ist, ist die Welt einfach viel zu leise.

Nolas Total Wichtige Notizen:

Mäuse dürfen nicht in Bibliotheken. Sie zerfressen die Bücher. Die Deckel lassen sie ganz. Wenn ein Buch außen noch schön aussieht, innen aber schon bröselt, war vielleicht Wum da. Sie behauptet dann immer: nur zum Probieren.

Ich fliege auf die Fensterbank und tippe mit dem Schnabel gegen die kühle Scheibe.

Tick. Tick.

Draußen liegt die Stadt. Seit heute riegeln fünf gelbe Gitter die Straße ab. Eins vor der alten Lagerhalle, eins am zukünftigen Hafen und drei direkt vor Emils Bäckerei. Gestern waren es nur drei.

Seit drei Tagen haben wir Emil nicht mehr gesehen. Normalerweise singt er beim Kneten so laut und tief, dass die Fensterscheiben vibrieren. Nun bleibt die Backstube stockfinster. Kein warmer Schein, kein Emil, keine verstreuten Weizenkörner auf dem Pflaster. Für eine Nachrichtenseite wie uns eine Ewigkeit.

Wum klettert zu mir herauf, ihre Krallen klackern auf dem Holz. Wir kennen diesen Blick. Er bedeutet: Außendienst.

Das angeknabberte Buch bleibt liegen. Wum klettert auf meinen Rücken, krallt sich in mein Nackengefieder, und ich trage sie durch den offenen Fensterflügel hinunter zur Straße.

Wir landen vor dem ersten gelben Absperrgitter. Einer der schweren Gitterfüße steht schief. Ich stemme den Schnabel gegen das Metall und drücke mit aller Kraft.

KLONG!

Das Gitter kippt scheppernd um. Wum prustet los: „Das Ding hatte wohl selbst keine Lust mehr zum Stehen.“

Wir schleichen näher an die schwere, blaue Holztür der Bäckerei. Das vertraute Brezel-Schild hängt an der Wand, doch dahinter bleibt alles schwarz. Mitten auf dem Pflaster liegt etwas Verlassenes: eine einzelne Sandale. Wum schnuppert daran und verzieht das Gesicht zu einer schiefen Grimasse.

„Bah! Riecht wie ein nasser Hund, der viel zu lange im Regen stand.“

Ich lege den Kopf schief und lausche. Plötzlich bewegt sich etwas hinter dem staubigen Glas. Nur ein Schatten. Ein kurzes Huschen, dann ist es wieder weg. Wum wird ganz starr und drückt sich so fest an meine Seite, dass ihre feinen Schnurrhaare meine Flügelkante kitzeln. In meinem Magen breitet sich eine bleierne Kälte aus.

Nolas Total Wichtige Notizen:

Vielleicht war es Emil. Vielleicht auch nicht. Mein Gefieder zittert. Manchmal wünsche ich mir, ein riesiger Falke würde neben mir fliegen und rufen: Keine Sorge, Nola, ich passe auf. Aber wenn es hart auf hart kommt, muss ich die Starke sein. Ich will wissen, was mit unserem Bäcker ist.

In meiner Brust flattert es wild. Ich kriege kaum noch Luft.

Die Bäckertür fliegt mit Wucht nach außen.

KRAWUMM!

Wum zuckt zusammen. Ich wirble panisch in die Luft. Und unten schießt Wum bereits los – wie ein geölter Blitz weg von der Tür, quer über den Gehsteig. Ich schieße hinterher.

Wie kam die Geschichte bei Ihnen an?

Wenn Sie weiterlesen und mir Rückmeldung geben möchten, melden Sie sich zum Testlesen an.

Zum Testlesen anmelden →

© Günther Gall